Geldgieriger Anwalt?

Bei Kürzungen durch Versicherungen klage ich relativ konsequent die gekürzten Beträge ein. Dabei richtet sich die Klage in aller Regel gegen den Kunden der Versicherung (Halter/Fahrer), nicht gegen die Versicherung selber.

Der Blogleser Gastmann ist nicht so ganz einverstanden mit meinem Vorgehen und hat das am 5.3.19 mit folgendem Kommentar kritisiert:

Ihr Mandant ist auch Autofahrer. Beim nächsten Unfall ist er womöglich selbst haftbar. Ob er sich dann auch noch darüber freut, dass es Anwälte gibt, die – vor allem im Interesse ihrer eigenen Gebühren – immer schon nach ein paar Wochen und immer zugleich gegen den Unfallgegner persönlich Klage erheben??

(Die Antwort ist klar: Nein, kein Autofahrer kann sich darüber freuen, dass es solche Anwälte gibt.)

Zu diesem Kommentar gäbe es viel zu sagen. Ich möchte an dieser Stelle nur einen Aspekt aufgreifen: meine Gebühren, die nach Einschätzung von Gastmann der Hauptgrund für meine Klagen wären.

Welches Honorar ich abrechnen darf, ergibt sich aus dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG). In Zivilsachen richtet sich das Honorar zum einen nach dem Streitwert, zum anderen danach, was alles gemacht wird. Die Einzelheiten ergeben sich aus dem Vergütungsverzeichnis zum RVG (VV RVG) und der Gebührentabelle.

In dem konkreten Fall klage ich 800,00 € ein. Bei diesem Streitwert beläuft sich eine Gebühr auf 80,00 €.

Für das Einreichen der Klage kann ich grundsätzlich eine 1,3-fache Gebühr berechnen (Nr. 3100 VV RVG), muß mir aber einen Teil meines vor Klageerhebung verdienten Honorars anrechnen lassen (Vorbemerkung 3 Absatz 4 VV RVG). Unter dem Strich bleibt für die Klageerhebung eine 0,65-fache Gebühr. Macht 52,00 € netto. Porto und Telefon machen dann pauschal noch mal 20 % der Gebühren, maximal 20,00 € aus. Hier also 10,40 € netto. Für die Klageerhebung gibt es also 62,40 € netto.

Für diese 62,40 € berate ich mit dem Mandanten, ob er eine Klage überhaupt möchte, kläre ggf. mit der Rechtsschutzversicherung ab, ob sie die Kosten übernimmt, erstelle die Klageschrift, notiere und überwache Fristen, reagiere auf Schreiben des Gerichts und der Gegenseite, führe das Kostenfestsetzungsverfahren am Ende des Gerichtsverfahrens durch und rechne die Sache ab.

Wenn es dann noch zu einer Gerichtsverhandlung kommt, wird es richtig lukrativ. Dann kann ich zusätzlich noch eine 1,2-fache Terminsgebühr (Nr. 3104 VV RVG) abrechnen. Das macht weitere 96,00 € netto. Außerdem katapultiert mich das bei Porto und Telefon auf den maximalen Pauschalsatz vom 20,00 €. Dafür muß ich dann aber zu Gericht fahren und verhandeln. Vielleicht auch zweimal. Oder dreimal. Trotzdem bleibt es bei der Terminsgebühr von 96,00 €. Der Zeitaufwand für eine Verhandlung inklusive An- und Abfahrt liegt bei mindestens 90 Minuten, wenn Zeugen oder Sachverständige angehört werden, meist deutlich mehr.

Für dieses Klageverfahren mit (vielleicht mehreren) Verhandlungstermin erhalte ich also maximal 62,40 € + 96,00 € + 20,00 € = 178,40 € netto.

Übrigens, viele der in dieser Liste aufgeführten Klagen spielen sich in der untersten Gebührenstufe ab (bis 500,- €). Da beläuft sich dann eine Gebühr auf 45,00 €. Für eine Klage mit Gerichtsverhandlung(en) gibt es dann 99,90 € netto.

Vielleicht wird jetzt deutlich, daß das eigene Gebühreninteresse nicht der Hauptgrund für die Klage ist.

Ein Friseurbesuch ist teurer. Meistens.

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5 Kommentare zu „Geldgieriger Anwalt?

  1. Ich muß offen sagen, daß ich die ganze Aufregung beiderseits nicht so ganz nachvollziehen kann. Die Versicherung hat die Regulierungsbefugnis (sie kann auch gegen den Willen des VN regulieren), und sie wird leistungsfrei, wenn der VN eigenmächtig anerkennt oder sonst leistet. Der VN wird das also schon aus diesem Grund tunlichst unterlassen. Und wenn der VN dann einen gelben Umschlag im Briefkasten hat, geht er damit seinerseits zum Anwalt. Er sollte es jedenfalls tun, und wenn er es nicht tut, sein Problem. Die Hinweise, die ihm erteilt werden, sind deutlich genug. Dann wird der Rechtsstreit halt geführt, oder die Versicherung überlegt es sich doch noch anders. Wenn ich der Auffassung bin, jemand müsse mir etwas leisten, und derjenige will nicht oder darf nicht allein wollen, helfe ich auch mit einer Klage nach. Die Kosten werden am Ende verteilt, und der VN bleibt nur dann auf Kosten sitzen, wenn er beispielsweise eigenmächtig reguliert hat. Wenn die Versicherung den Rechtsstreit führen würde, und der VN wäre nicht auch Partei, wäre er ja auch nicht aus dem Rechtsstreit raus, sondern er käme ggf. als Zeuge in Frage. Und ob nun der Gegner den VN allein oder die Versicherung allein oder alle in Frage kommenden Anspruchsgegner verklagt, in allen Fällen kann der VN vor Abschluß des Verfahrens die Sache sowieso nicht weglegen. So geht halt Rechtsstaat, wenn eine Partei meint, ihr stehe etwas zu, und der Gegner will es nicht leisten – dann entscheidet eben ein Gericht. Warum sich die VN gerade dann so aufregen, wenn sie verklagt werden, will mir nicht einleuchten.

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  2. Wenn man nun noch bedenkt, dass diese exorbitanten Rechtsanwaltskosten auf 0,- (Null) € zusammenschnurren würden, wenn eine Klage entbehrlich würde, weil die Versicherung sich das ungerechtfertigte Kürzen oder der Unfallverursacher sich das Unfall verursachen verkneifen würde …Aber dem teuren Herrn Gastmann kömmt das ja nicht in den Sinn.

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  3. @ chshep: Auch wenn Sie den Aufwand hier deutlich dramatisieren (und er teilweise durch das Honorar für die außergerichtliche Beratung abgedeckt wird), gebe ich Ihnen im Ansatz recht: Bei Bagatellstreitwerten machen Sie es eindeutig nicht des Geldes wegen. Sondern aus privater Prinzipienreiterei. Hat aber mit Mandanteninteressen ebenso wenig zu tun.

    @ nonnomen: Klar ist die Versicherung schuld. Aber nicht der VN, der hier für das von ihm nicht zu beeinflussende Regulierungsverhalten der deutschen Versicherungswirtschaft büßen soll. Und letztlich sind wir alle VN. Und da gilt eben der alte Spruch: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

      @ Gastmann
      Mit Prinzipienreiterei bin ich einverstanden. Das Prinzip, das dabei zum Tragen kommt, lautet:
      Die Ansprüche des Mandanten möglichst effektiv durchsetzen.
      Das hat sehr viel mit Mandanteninteressen zu tun.
      Die Klage allein gegen den VN führt öfters und schneller zum Erfolg als die Klage gegen die Versicherung.
      C.S.

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  4. In Verkehrssachen nicht den Halter zu verklagen halte ich schon für einen Fall der Anwaltshaftung. Ob man daneben auch den Fahrer (zumindest, um ihn als gegnerischen Zeugen zu eliminieren) und/oder den Versicherer mitverklagt (was nur im Kfz-Haftungsrecht geht, da nur dort ein Direktanspruch gegen die Versicherung besteht), ist schlicht optional.
    Wieso soll der motorisierte Verkehrsteilnehmer bei einem Unfall prozeßrechtlich besser gestellt werden, als z.B. ein (privat)haftpflichtversicherter Radfahrer? Bei dem hängt auch die Haftpflichtversicherung dahinter, ist aber nicht passivlegitimiert.

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