Lohnt sich fiktiv?

Nach einem Verkehrsunfall hat der Geschädigte die Wahl.

Er läßt sein Auto reparieren und legt die Reparaturrechnung vor. Der Rechnungsbetrag wird dann von der Versicherung der Gegenseite erstattet. Das ist eine konkrete Abrechnung.

Oder er läßt sich die vom Sachverständigen kalkulierten Reparaturkosten ausbezahlen, bevor das Auto repariert ist. Er kann das Auto dann selber reparieren, von einem Freund privat reparieren lassen, in einer Werkstatt nur teilweise reparieren lassen, oder sich das Auto unrepariert in sein Wohnzimmer stellen. Er kann mit dem Auto machen, was er will. Und er kann mit dem Geld machen, was er will. Er kann es für die Reparatur verwenden, die Kohle am Ballermann verballern, seiner Frau eine Goldkette kaufen oder (nach dem Monsanto-Deal) die Bayer AG aufkaufen. Das nennt man fiktive Abrechnung.

Bei der fiktiven Abrechnung gibt es ein paar Besonderheiten.

Bei der fiktiven Abrechnung wird die Umsatzsteuer nicht ersetzt (§ 249 II 2 BGB). Und bei der fiktiven Abrechnung darf die Versicherung den Geschädigten auf eine günstige Werkstatt verweisen, wenn diese genauso gut reparieren kann wie eine markengebundene Fachwerkstatt.

In der Praxis sieht das folgendermaßen aus:

Der Geschädigte beauftragt einen Sachverständigen, der die Reparaturkosten in einer markengebundenen Fachwerkstatt kalkuliert:

Anschließend beauftragt die Versicherung einen Kürzungsdienstleister, der die kalkulierten Reparaturkosten auf den Betrag zusammenstutzt, der in einer günstigen Verweisungswerkstatt anfallen würde:

 

Falls der Geschädigte in der markengebundenen Fachwerkstatt reparieren läßt, muß die Versicherung 1.760,16 € bezahlen. Wählt der Geschädigte dagegen den Weg der fiktiven Abrechnung, muß die Versicherung nur 897,39 € zahlen. Eine Ersparnis von knapp 50 %.

Und wieviel dieser Ersparnis läßt die Versicherung dem Geschädigten zukommen?

Nichts. Null. Nada. Niente. Nothing. Gar nichts.

Fiktive Abrechnung lohnt sich also. Jedenfalls für die Versicherung.

Ob sie sich auch für den Geschädigten lohnt, muß jeder Geschädigte selber entscheiden.

Immerhin muß sich der Geschädigte nicht sofort entscheiden. Er kann zunächst die Auszahlung des gekürzten Nettobetrages verlangen und anschließend immer noch in der markengebundenen Fachwerkstatt reparieren lassen. Der Wechsel von der fiktiven zur konkreten Abrechnung ist zulässig.

 

P.S.

Die Verweisung auf eine günstige Alternativwerkstatt ist nur zulässig, wenn der Geschädigte das Fahrzeug nicht reparieren läßt. Falls er sich doch (noch) für eine Reparatur entscheidet, kann er sich die Werkstatt seines Vertrauens aussuchen. Da hat die Versicherung dann nichts mitzuentscheiden.
Ja, so denken wir Juristen: Wenn Du nicht reparieren läßt, kann ich Dir eine Werkstatt zeigen, die viel günstiger (nicht) reparieren kann.

Werbeanzeigen

3 Kommentare zu „Lohnt sich fiktiv?

  1. Ist die Versicherung in der Pflicht, diese Werkstatt konkret zu benennen? Gibt es bei dieser Werkstatt
    „(Un)Zumutbarkeiten“ wie bspw. die Entfernung zur Werkstatt, Wartezeiten oder die Reparaturdauer?

      Ja, die Werkstatt muß konkret benannt werden. Die Entfernung spielt eine Rolle (Faustformel: bis 25 km ist zumutbar). Es gibt auch noch weitere Aspekte: Gleichwertigkeit der Reparatur, keine mit der Versicherung vereinbarten Sonderkonditionen etc. Es hängt viel vom Einzelfall ab. Bei der Thematik ist auch noch viel in Bewegung.
      Unabhängig davon ist eine Verweisung unzulässig bei Fahrzeugen, die jünger als 3 Jahre sind, und bei älteren Fahrzeugen, wenn diese in markengebundener Fachwerkstatt scheckheftgepflegt wurden.
      C.S.

      Gefällt 1 Person

    1. Danke. Offenbar ist in jedem Schadenfall die Begleitung durch einen sachkundigen RA schadenmindernder als unbesehen Regulierungsangebote der Vers zu akzeptieren, jedenfalls unter Prüfung einer betriebswirtschaftlichen Kosten/Nutzen-Rechnung. Versicherungen verdienen nur, wenn sie nicht zahlen…

      Gefällt mir

  2. Naja, so richtig Verwerfliches kann ich an dem Verhalten der Versicherung nicht feststellen.

    Der Geschädigte ist bereit, den Schaden an seinem Auto zu akzeptieren, zumindest das ist die Schlussfolgerung aus einer fiktiven Abrechnung. Was er danach mit dem Auto macht, ist nicht mehr die Sache der Versicherung.

    Wenn ich den Schaden akzeptiere, habe ich auch keinen Aufwand um mein Auto in eine Werkstatt zu bringen. Es muss auch kein fiktiver teuerer Lack aufgetragen werden, sondern dann reicht auch der gleiche Lack in einer Werkstatt, die diesen Lack günstiger fiktiv aufträgt und mit einer kleineren Marge fiktiv verkauft.

    Die Alternative haben Sie ja beschrieben, er kann auch teuer real reparieren lassen, bleibt also nicht auf einem Schaden sitzen.

      So richtig Verwerfliches werfe ich der Versicherung auch nicht vor. Dieses Verhalten der Versicherung ist grundsätzlich legitim.
      C.S.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.